Erfahrung als geronnenes Erlebnis

Landeszeitung Lüneburg vom 11.07.2014

„Erfahren“ war das Thema der theologischen Betrachtung von Pastor Henning Hinrichs aus Reppenstedt im Zentrum der ersten musikalischen Abendandacht „Lebensklänge“ – das sommerliche Erlebnis von Jazz und Theologie in St. Nicolai. „Erfahrung“ und Gotteserfahrung meine nicht „das Erlebnis selbst“, so Pastor Hinrichs, sondern ein durch eigene Erkenntnis und Wertung „geronnenes“ Erlebnis. Auch erlebte Musik gerinne sofort zur Erfahrung, werde rasch zum Blick auf das Erlebte. Insofern geschehe in jedem Menschen etwas Spezielles. Einen magischen Reflexionsraum für solche eigenen Perspektiven schuf der meditative Jazz, den das Trio mit Daniel Stickan, Orgel, Uwe Steinmetz, Saxophone und andere Instrumente, und Gast-Sängerin Efrat Alony von der Orgelempore aus bot.

Daniel Stickan und der aus Berlin angereiste, auf dem Gebiet Musik und Theologie forschende Uwe Steinmetz, die das Lebensklänge-Projekt vor einigen Jahren nach Lüneburg brachten, musizieren mit Gästen von auswärts im Kirchenraum, um, wie sie selbst sagen, „die spirituelle Dimension ihrer Musik zu erfahren und zu vertiefen“. Der moderne Jazz, immer schon eine komplexe Auseinandersetzung mit gesellschaftlich Relevantem, versucht sich dem theologischen Themenkern ebenso anzunähern wie der kurze Vortrag vom Rednerpult aus. „Erfahren“ also betrifft in diesem Rahmen auch die spirituellen Wurzeln des Jazz bzw. die Möglichkeit, den Zugang zu theologischen Erfahrungen zu eröffnen, auch Menschen, die sonst nicht unbedingt zur Kirche gehen.

In der gut besuchten Nikolaikirche begann das Trio mit „Minuano“ von Pat Metheny. Seine unverwechselbare Musik inspiriert durch ihre melodiöse Kraft. Die in Israel aufgewachsene, vielseitige Sängerin Efrat Alony, die in Bern Professorin für Jazz-Gesang ist, unterstrich mit kraftvoller, in den Tonhöhen stark changierender Stimme die atmosphärische Seite dieser Musik. Daniel Stickans verzaubernd leise Klangtapeten und Steinmetz‘ ebenso mitreißende signalhafte Einwürfe und Improvisationen verschmolzen mit dem tragenden und faszinierenden Gesang zu Schwebeklängen, teils unterbrochen von virtuoseren, auch dynamisch eindrucksvoll aufwallenden und harmonisch aufrüttelnden Passagen.

Solche Atribute verdienen auch die übrigen, teils Liturgie-nahen Stücke des Abends. Stickans „Infinite Melody“ und „Ciacona“ nach Texten aus Prediger 2, Arvo Pärts „My Heart’s in the Highlands“ sowie die Adaption Efrat Alonys nach dem Traditional „Nigunim-Alw“ und „Al Na Telech“ zu Bachscher Musik und Mathi Caspi-Texten standen im Zeichen solcher durchlässiger, kontemplativer, vom Kirchenhall effektiv verstärkter Animation. Die Musik aus dem „Schwalbennest“ der hohen Orgelempore in St. Nikolai, verschmilzt zu einer halligen, wunderbar magischen und emotional unmittelbar zugänglichen Klagsphäre, so dass die Texte, leider nicht im Programmheft zu finden, kaum verständlich blieben. Mit einer Improvisation des Trios zum Choral „Der Mond ist aufgegangen“ und langem Applaus ging die Konzertandacht zu Ende.