Bild: Andreas Schoelzel

„Der Jazz weitet die Räume“

Unter der Überschrift „Jazz, Singen und Kirche“ steht eine Tagung der Evangelischen Akademie Loccum. Mit dabei ist auch der Berliner Saxophonist Uwe Steinmetz, einer der Protagonisten von Jazz in Kirchen hierzulande. Im Interview betont er die integrative Kraft des Jazz, von der die Kirche zehren könne. Er sieht den Jazz nicht als Konkurrenz zur traditionellen Kirchenmusik, sondern als deren sinnvolle Ergänzung.
26.01.2019 Jörg Echtler

Herr Steinmetz, Sie wurden als Jazzmusiker in Deutschland, Indien und den USA ausgebildet. Wie haben Sie die spirituelle Dimension des Jazz für sich entdeckt?

Uwe Steinmetz: Das kam nach und nach. Zum einen hat mich ein Komponist sehr fasziniert – George Russell, ein afro-amerikanischer Jazzmusiker, der sehr viele spirituelle Werke geschrieben hat. Das war für mich ausschlaggebend, Musik zu studieren und mich dem Jazz zu widmen. Dabei war ich aber Atheist aus Überzeugung. Ich war vor meinem USA-Aufenthalt ein halbes Jahr in Indien und fasziniert davon, wie Mythologie, Spiritualität zusammenfließen in einer Art klassischen Musiktradition, die in allen Bevölkerungsschichten und Kasten bekannt ist. In Gesprächen mit indischen Musikern wurde es mir immer mehr ein Anliegen, auch Jazz mit einer spirituellen Dimension zu verbinden, und die meinten: dann musst du eben mit Jazz Kirchenmusik machen! In deiner Kultur gibt es ja schließlich auch Bach und andere, die Spiritualität mit klassischer Musik verbunden haben. Ich bin danach in die USA gegangen und habe bei George Russell selbst studiert. Diese Zeit war für mich prägend, da habe ich durch den Austausch mit ihm motiviert begonnen, Kirchenmusik zu machen.

Für einen Jazzer ist es ja nicht unbedingt selbstverständlich, in Kirchen zu spielen…

Steinmetz: In meiner Zeit war das unter Kommilitonen noch ein bisschen merkwürdig, ja. Gerade das Christentum war eher suspekt, anders als etwa der Buddhismus, zu dem sich ja auch berühmte Musiker wie Herbie Hancock oder Wayne Shorter bekannten. Inzwischen hat sich, meiner Wahrnehmung nach, die Skepsis unter Jazzern gegenüber dem Christentum aber gewandelt. Viele jüngere Musiker sprechen mich an auf meinen Glauben und was ich mit der Musik möchte. Das ist sehr schön.

Welche Impulse könnte der Jazz in der Kirche hierzulande geben?

Steinmetz: Er könnte das Interesse dafür schärfen, dass es verschiedene Sprachen von Religionen gibt und von religiösem Erleben: „Jeder Mensch betet in seiner eigenen Sprache, und ich glaube, es gibt keine Sprache, die Gott nicht versteht“ – so hat Duke Ellington es ausgedrückt. Jazz kann neue Räume öffnen, und wenn ich Christ bin, kann ich meine Glaubenserfahrungen in diesem Kontext freier formulieren als im Kanon einer gewachsenen kulturellen Tradition. Die ist in Deutschland sehr stark in der Kirchenmusik, aber auch in der Theologie. Im Jazz begegnen wir einer Musik, die Weltmusik geworden ist, die zwischen Kulturen vermittelt – und das sind Impulse, die die Kirche generell, unabhängig vom Musikstil Jazz, dringend gebrauchen kann.

Ist es auch das improvisatorische Element des Jazz, das Impulse geben könnte?

Steinmetz: Auf jeden Fall. Ich habe allerdings das Gefühl, dass Improvisation oft verwechselt wird mit Geschwafel, Beliebigkeit. Das ist ein Missverständnis. Man improvisiert, allerdings mit so vielen Regeln und Wissen, dass es eher eine Art spontane Komposition ist. Für die Zuhörer ist das unerheblich. Die freuen sich, dass wir aus dem Moment heraus Musik kreieren. Diese Freude kann sich auch auf den Prediger übertragen. Das kann gelingen und scheitern. Es gibt Menschen, die nichts ausformulieren und trotzdem unglaublich dezidiert predigen können, andererseits kann ein Jazzstück auch beliebig wirken. Das Zusammenspiel von Musik und Verkündigung in der Liturgie darf nicht beliebig sein. Es muss wirklich zusammen schwingen, ein gemeinsamer Klangraum werden, das merke ich in gemeinsamen Übungen mit Theologen und anderen Jazzmusikern.

Jazz-verwandte Idiome wie der Gospelgesang sind inzwischen sehr populär. Wie unterscheidet sich der von Ihnen vertretene Ansatz von solchen Strömungen?

Steinmetz: Es gibt auf jeden Fall tiefe gemeinsame Wurzeln. Die Prinzipien des Gospelgesangs – Call and Response und bestimmte integrierte Dissonanzen wie die Blue Notes – sollten auch im modernen Jazz ihren Platz haben. Der Jazz wurde in den letzten Jahrzehnten auch abstrakter und komplexer – im Bestreben, auf der Höhe der Neuen Musik zu arbeiten. Um Wirkung in der Gemeinde zu entfalten, muss Jazz im kirchlichen Kontext wieder lernen vom Gospel. Was sich unterscheidet, ist das Gemeinschaftserlebnis, das die Leute beim Gospelgesang unbedingt suchen. Die Art, wie sie mitmachen, aufstehen und mitklatschen – das ist im Jazz nicht gefordert. Er lebt vom individuellen Erleben und von den persönlichen Klangsprachen aller Künstler. Es geht darum, neue Klangfarben zu erleben und nicht ein festgelegtes Genre. Denn das ist die Stärke von Jazz. Er basiert auf Überraschung und nicht auf dem Bestätigen von Erwartungen, einer vorgefassten Dramaturgie.

Sie werden bei der Tagung unter anderem über die Komposition von Liedern sprechen. Wie unterscheidet sich das von dem, was wir vom Neuen Geistlichen Lied schon kennen?

Steinmetz: Beim Neuen Geistlichen Lied, bei Sacro-Pop oder Worship Songs haben wir relativ feste Klangfarben, Stile, Formen und Funktionen der Lieder. Die Stärke des Jazz ist aber wie gesagt, dass er in der Lage ist, verschiedene Musikkulturen zu integrieren und in jeweils persönlich geprägten Klangsprachen zu vereinen. Die Lieder, die wir uns in Loccum angucken, kommen aus der Praxis von Jazzmusikern, die Christen sind und in Kirchen arbeiten. Auch beim Text weitet die Arbeit mit Jazz die Räume. Daher sind diese Lieder keine frommen Stilkopien einer Musik von außerhalb der Kirche, sondern sind mitten in der Gesellschaft entstanden. Wir betrachten Lieder, die auf der Höhe der Gegenwartsästhetik auch außerhalb von Kirchräumen erfolgreich sind und einer kirchenfernen Hörerschaft vom christlichen Glauben erzählen – dafür gibt es herausragende Beispiele, etwa die Stücke des Schlagzeugers Brian Blade oder der Sängerin Janne Mark, die bei uns zu Gast ist.

Die Tagung in Loccum hat das Singen als Schwerpunkt gewählt. Möchten sie das körperlich-sinnliche Element in der Musik wieder mehr erfahrbar machen?

Steinmetz: Ein Kirchenchor, der bemüht ist, einen Satz von Bach zu singen, der aber für ihn zu schwer ist – das erreicht mich nicht. Da wird Musik nicht lebendig und menschennah gemacht. Als Musiker suche ich im jeweiligen Moment den optimalen Klang im Raum und mit den Menschen, so dass sie es bewältigen können. Da muss ich eventuell eben auch einmal reduzieren und neu arrangieren. Der Jazz hat den Vorteil, dass er kein festgelegtes Werk abbilden muss, keine Referenz an einen Komponisten. Im Jazz kann ein Stück so eingerichtet werden, dass es für die jeweiligen Menschen, die zusammen musizieren, passt und eine persönliche Bedeutung gewinnt.

Es geht also auch darum, die Menschen zum Selbermachen zu bringen, ihnen eigene Erfahrungen mit der Musik zu ermöglichen. „Der Kirchenmusiker muss runter von der Empore“, fordern Sie. Welche Erfahrungen haben Sie selbst in der Arbeit mit Laien gesammelt?

Steinmetz: Für mich sind das die motivierendsten Erfahrungen. Denn Laien sind immer mit Liebe und Hingabe bei der Sache. Sie können genau im Moment eine hohe Präsenz und Intensität entfalten. Ich erinnere mich sehr gern etwa an ein Konzert im Alten Land. In einer ländlichen Gemeinde, mit einem Laienchor mit Gitarrenbegleitung. Ich hatte ein bisschen Musik mitgebracht, wir haben mit der Chorleiterin und beteiligten Theologen geguckt, was machbar ist und dann einen Gottesdienst zu Erntedank gestaltet, der auch die Gemeinde durch individuelle Lesungen mit einbezog. Mein Kollege Daniel Stickan setzte die historische Orgel so geschickt ein, dass sie Klangbrücken zwischen Gitarre, Gemeindegesang und freien Improvisationen bilden konnte. Das war ein sehr beglückendes Erlebnis. Mich berühren diese Momente besonders, wo mit wenigen Mitteln viel Gemeinschaft entsteht und Verkündigung dann auf einer viel tieferen Ebene stattfindet.

In den USA ist ambitionierte Jazzmusik in den Kirchen verankert, es gibt spezielle Gottesdienstformate, die regelmäßig gepflegt werden. Wie ist die Resonanz hier in Deutschland, in Gemeinden, bei Kirchenmusikern?

Steinmetz: Jazz ist in den USA eine Form von anerkannter amerikanischer Kunstmusik geworden. Dieses Verständnis, dass Jazz eine lebendige moderne Musik ist, ist in Deutschland noch nicht so ganz angekommen. Die Jazzszene verändert sich im Moment aber auch Dank des Engagements der Union Deutscher Jazzmusiker sehr stark, in verschiedenen Städten entstehen Jazz-Zentren und es gibt einen Run auf die Studiengänge. In vielen größeren Städten gibt es Kirchengemeinden, die bereits viel mit Jazzmusikern machen. Die Impulse gehen dabei allerdings überwiegend von Theologen aus.

Die Kirchenmusiker sind eher distanziert?

Steinmetz: Die stilistischen Grabenkämpfe sind vorbei, glaube ich. Ich denke eher, dass wir vor strukturellen Problemen stehen. Wenn eine Jazzkirche entsteht, ist klar, dass man mit Musikern aus der freien Szene arbeitet. Die Zusammenarbeit mit der freien Szene ist für mich ein wichtiger Punkt, den ich immer wieder betone. Die Jazzmusiker, die Christen sind, und sich gerne mal im Gottesdienst engagieren würden, sind Überzeugungstäter. Wenn die Kirche diese Menschen ignoriert und nicht einbindet, verliert sie etwas. Ich sehe den Jazz nicht als Konkurrenz zur traditionellen Kirchenmusik, sondern als Erweiterung und Vertiefung der gesellschaftlichen Präsenz des christlichen Glaubens.

Welche Entwicklungen wünschen Sie sich, wie soll es weitergehen?

Steinmetz: Wir haben ja vor allem in Städten das Problem, dass Gemeinden zusammengelegt werden müssen. Die Einrichtung einer Jazzkirche könnte hier auch neue Chancen eröffnen. Zu sagen: wir stellen euch keinen Kirchenmusiker, ihr kriegt aber ein bisschen Geld dazu für die freie Szene, die dann dort regelmäßige Engagements hat. So funktioniert das in anderen Ländern auch. Das würde reichen. Ich will die traditionelle Kirchenmusik wie gesagt keineswegs schmälern. Sie ist ungeheuer wertvoll. Aber Musik und Glaube sind eine Sprache der Freiheit, und das muss deutlich werden. Das kann nicht in Grenzsetzung und festgelegten Stellenprofilen passieren. Integrativ zu denken und voneinander zu lernen – eben das ist christliche Gemeinschaft, und das lehrt auch der Jazz.