Was haben der Songwriter Nick Drake, die Jazz-Ikone Wayne Shorter, Paulus‘ Korintherbriefe, ein französisches Weihnachtslied und eine in Israel aufgewachsene Tochter irakischer Einwanderer gemeinsam? Sie alle begegnen einander auf Waves, der neuen CD von Uwe Steinmetz und Daniel Stickan. Und man staunt: Was auf den ersten Blick wie ein willkürlicher Mischmasch anmutet, wird bei intensivem Einlassen schnell zu einem organischen Ganzen.
Uwe Steinmetz, ein international renommierter Saxophonist, und der nicht weniger versierte Daniel Stickan an der Kirchenorgel haben es sich hörbar zum Ziel gesetzt, die Kirchenmusik aus dem Korsett ihrer Traditionen zu befreien. Waves, in der „Edition Jazz aus Kirchen“ erschienen, ist eine CD, deren Musik aus den verschiedensten Zuläufen gespeist wird und in einen Fluss mündet, dessen Strömung all die verschiedenen Wasser zu etwas Neuem, Originellem vermischt.
Dieses Neue als „Jazz“ zu bezeichnen, ist an manchen Stellen treffend, meist jedoch allzu einengend. Stickan spielt mit klassischen Formen ebenso wie mit avantgardistischen Ideen oder Pink-Floyd-artigen Sounds, lässt die Woehl-Orgel der Hildesheimer Michaeliskirche pluckern wie eine Drehorgel, findet in ihren Registern leises Murmeln, spiritualhafte Andacht und orgiastisches Brausen, entdeckt Klangfacetten, die die Gewohnheiten der wöchentlichen Gottesdienstbesucherinnen und -besucher weit überschreiten.
Aus dieser ständig changierenden Textur blüht der farbenreiche Ton von Uwe Steinmetz‘ Saxophon hervor, besonders schön auf einer Instrumentalfassung von Nick Drakes „Parasite“. Steinmetz bleibt enger am Bezugsfeld des Jazz, irgendwo zwischen Jan Garbarek und Wayne Shorter, dessen „Flagships“ hier in einer faszinierenden Version aufschimmert. Obendrein erweist er sich als Virtuose der Orkon-Flöte, einer nur selten zu hörenden Rarität, die in den Vierzigerjahren des 20. Jahrhunderts von Edward V. Powell erfunden wurde.
Mit der Sängerin Efrat Alony erweitert sich das Duo für vier Stücke zum kongenialen Trio. Mal singt Alony eigene Texte, mal (leicht abgewandelte) Bibelstellen auf Englisch, Deutsch und Hebräisch. Doch ist ihr ungewöhnlicher, variabler, mitunter fast männlich wirkender Gesang so sehr Klang, dass die Inhalte eher im Hintergrund bleiben – ein etwas unberechenbarer, dabei aber warmer Zufluss, der den Wellengang im Hauptstrom noch verstärkt.