Jazz hat eine erstaunliche Nähe zur Religion. Nicht nur weil er seinen historischen Ursprung in Spiritual und Gospel hat. Neben altbekannten Worten, Klängen und Arrangements vertraut Jazz auch immer auf etwas Unverfügbares, Göttliches. Dann schafft er Momente der Transzendenz, der Entgrenzung, in denen Hörer und Musiker sich verbunden wissen mit etwas, das größer ist als sie selbst, und das in der Seele nachhallt, auch wenn der letzte Ton längst verklungen ist.

In einem Radio-Feature hat Friederike Weede die Beziehungen zwischen Jazz und Gottesdienst beleuchtet. In der Sendung sprach auch Daniel Stickan über seine beruflichen Erfahrungen mit dem Thema „Jazz und Kirche“. Hier einige Ausschnitte aus der Sendung.

Der gesamte Beitrag ist als Podcast hier

Über das Unverfügbare, den Predigt-Charakter und die Fusion von Kirchenorgel und Jazzklavier

Moderation:
Wie die christliche Liturgie, so vollführt auch der Jazz einen Spagat über Raum und Zeit hinweg – setzt lange Überliefertes in Beziehung zum Hier und Jetzt; doch ist dabei stets angewiesen auf einen Funken von außen. Für den Organisten und Jazzpianisten Daniel Stickan vielleicht die stärkste Gemeinsamkeit von Jazz und Gottesdienst.

Daniel Stickan:
Dass Jazz und Gottesdienst beide Unverfügbares verhandeln. Also, Jazz ist schon auf Inspiration angewiesen; genauso der Gottesdienst ja auch auf das Sich-einstellen des Heiligen Geistes. Oder er ist eben darauf angewiesen, dass sich etwas einstellt, was man nicht machen kann. Und das ist bei Jazz auch so, dass es eben eine sehr situative Musik ist.

Moderation:
Glückt die Vergegenwärtigung alter Traditionen mit der Gegenwart, so stellt sich ein Gefühl von Gemeinschaft ein – ein Gefühl des tiefen gegenseitigen Verstehens, eine Erfahrung von Eins-sein. So beschreiben es manche Jazzer. Misslingt die Vergegenwärtigung, geraten Musik wie Gottesdienst zum erstarrten Ritus, zum sinnentleerten Wiederholen scheinbar anachronistischer Vorlagen. Und das begeisterte Spiel wird zum uninspirierten Nachspiel von Kompositionen aus fremder Hand. Jazz kann – ebenso wie Gottesdienst – auf ganzer Linie scheitern. Er kann aber auch Läutern, Hoffnung schenken, berühren.
Für Daniel Stickan aus Lüneburg war die Verbindung von Kirche und Jazz zunächst ein Experiment. Ein Versuch, seine scheinbar gegensätzlichen musikalischen Ausbildungen zusammen zu führen: Klassische Kirchenorgel und Jazzpiano. Die Fusion von Beidem eröffnete dem Musiker neue Welten. Ganz entgegen dem weit verbreiteten Vorurteil, dass eine Kirchenorgel nicht für perkussive Musik wie Jazz geeignet sei, der ja auch vom Spiel mit Rhythmen lebt.

Daniel Stickan:
Das kam erst nach dem Studium, dass ich dann gemerkt habe: Ich sitze so ein bisschen zwischen den Stühlen. Und dieses Zwischen-den-Stühlen-Sitzen wurde dann aber plötzlich zu einer großen Chance für mich, dass ich gemerkt habe: Ich möchte auf der Orgel was suchen, was Jazz für mich ist. Und da gingen dann plötzlich sehr viele Türen auf. Dass ich gemerkt habe: Ich komme natürlich nicht weiter, wenn ich jetzt traditionellen Jazz einfach auf die Orgel übertrage. Das ist definitiv so, dass ich auf der Orgel bestimmte Dinge nicht machen kann. Aber Jazz ist kein Stil, sondern Jazz ist eine Spielhaltung, eine Art des Musizierens und des freien Umgangs mit Musik. Und da ist eigentlich jedes Instrument geeignet. Mittlerweile im modernen Jazz gibt es Harfe, Alphorn, Akkordeon, Geige, Cello. Also da ist eigentlich kein Instrument mehr ausgenommen.

Moderation:
Auf der Kirchenorgel klingt das dann so. Vom flächigen Begleitinstrument unter Gemeindegesang oder vom vielschichtigen Auf- und Abbranden im Rahmen eines Orgelwerks von Bach wird die Orgel im Jazz zu einer Erzählerin, die klagt, betet, hofft. Vielleicht predigt wie sogar, ganz ohne Worte? Ja, sagt Daniel Stickan, das geht.

Daniel Stickan:
In dem Moment, wo die Musik zu einer Erzählung wird von Glaubenserfahrung, wird es natürlich auch zu etwas, was Predigt-Charakter hat. Und wenn man John Coltrane hört, in den Musiken, in denen er religiöse Themen behandelt, dann hat das für mich persönlich schon einen stark predigenden Charakter. Zum Teil auch, weil er direkt Bibeltexte dann vertont. Oder Gebete vertont. Es ist ja doch schon so, dass es dann für die Menschen, die diesen Kontext kennen, dann auch sicher so einen predigenden Charakter hat – also im Sinne von einer Erzählung, Erzählweise von Glaubenserfahrungen – denke ich – ist das schon auch eine Art das Predigens.

Über das Subversive und Politische von Jazz und Christentum

Moderation:
Subversiv ist Jazz bis heute geblieben. Das ist sein Erbe. Und in gewisser Weise auch das des Christentums, ist der Jazzmusiker Daniel Stickan überzeugt.

Daniel Stickan:
Ja, ich denke das schon, dass diese Wurzel irgendwie immer wieder durchdrückt. Gospel und Spirituals vielleicht jetzt weniger als der Blues. Der ist überall – denke ich – noch immer so latent vorhanden. Diese Form von Unterdrückung, die in den Spirituals und Gospels thematisiert wird, ist natürlich eine andere Form, jetzt in Bezug auf Freiheit, als wir sie heute erleben. Also wenn ich jetzt hier in einer freiheitlichen Demokratie in Westeuropa aufwachse dann ist das natürlich etwas ganz anderes als wenn es Rassendiskriminierung gibt und Unterdrückung und ich irgendwie als Sklave auf dem Feld mich bewege. Dann kriegen natürlich auch so altbiblische Texte eine andere Bedeutung. Aber trotzdem ist der Jazz natürlich immer politisch gewesen. Also im Kalten Krieg zum Beispiel wurde Dizzy Gillespie und ganz viele andere Jazzmusiker, die wurden dann in den Nahen Osten geschickt und sollten da quasi Werbung machen für die westliche Demokratie mit ihrer Musik. Diese Qualität des Jazz, gegen den Mainstream zu stehen, immer so ein bisschen quer dagegen zu sein, die ist – glaube ich – so stark, dass das schon etwas ist, was diese Musik auch auszeichnet in ihrer Widerständigkeit. Und das ist ja eigentlich auch etwas, was auch das Christentum auszeichnet. Die christlichen Themen haben eben auch eine starke Widerständigkeit. Jesus am Kreuz ist ja schon etwas, was erst mal verstört und Protest auslösen kann.

Über Jazz und Körperlichkeit

Moderation:
Jazz also als Soundtrack des Widerstands. Und die Virtuosen des Jazz – erleuchtete Prediger, Märtyrer, zerknirschte Sünder, Propheten in heiligem Zorn, Zungenredner unter dem Heiligen Geist? Sie beherrschen alle Register, verkörpern jede Facette. In wörtlichem Sinn.

Daniel Stickan:
Jazz ist ja eine wahnsinnig körperliche Musik. Also, wenn man sich Jazzmusiker anguckt, jetzt wie zum Beispiel Keith Jarrett prominent, wie der sich um’s Klavier windet, oder Cecil Taylor, wenn der aufsteht und tanzt, und Thelonious Monk. Das ist eben eine sehr körperliche Musik. Und die Körperlichkeit ist eigentlich was, was im Gottesdienst auch vorkommen sollte. Unsere Geschöpflichkeit ist dann eben was, was auch im Gottesdienst eine große Rolle spielt – spielen sollte.

Über den Stellenwert von Jazz in der Kirchenmusik und der Institution Kirche

Moderation:
Doch auch, wenn zunehmend Christen in Jazzgottesdiensten eine alternative Form von Spiritualität für sich entdecken – gerade unter evangelischen Kirchenmusikern kursiert häufig noch immer das Vorurteil, Jazz sei zu profan, zu weltlich für die Kirche. Jazz ist eben sogenannte U-Musik – Unterhaltung – im Gegensatz zur klassischen geistlichen Musik. Auch wenn die Unterscheidung in E- und U-Musik vielen als fragwürdig erscheint: Der Organist und Jazzpianist Daniel Stickan hat inzwischen sein eigenes Label gegründet. Die ehemalige musikalische Nische, in der er sich bewegt, wächst. Und dennoch beobachtet er, dass manchmal noch immer ein gewisser Dünkel gegenüber dem Jazz besteht.

Daniel Stickan:
Vor Ort in den Gemeinden gibt er viele Konzertreihen und Gottesdienstreihen, die mit Jazz arbeiten. Auf der Ebene der Institution sieht es ganz anders aus. Die ganze Kulturarbeit in der Kirche kümmert sich doch noch eher um klassische Kirchenmusik oder sonst noch um die Möglichkeiten, wie man zum Beispiel Popkantoren installieren kann. Wir haben das jetzt viele Jahre immer wieder angeschoben mit kleineren Projekten und mussten feststellen, dass es eigentlich kein Interesse gibt seitens der Institution, das Thema Jazz nachhaltig zu integrieren. Das liegt an der Ausbildung, dass das im Kirchenmusikstudium komplett nicht vorkommt. Und es gibt so eine normative Vorstellung davon, was ein guter Gottesdienst ist. Es gibt da dann auch so klare Aussagen wie zum Beispiel: Ein Gottesdienst ohne Orgel ist kein Gottesdienst. Was natürlich theologisch äußerst fragwürdig ist. Als ob dann die frühchristlichen Gemeinden gar keinen Gottesdienst gefeiert hätten. Ich glaube, dass diese Vorstellungen einfach nicht weiterhelfen. Weil sie letztendlich die Kirchenmusik nicht voranbringen.