„Thesen in Tönen“ – Ortwin Löwa in der Evangelischen Zeitung vom 12.04.2015

Saxophonist Uwe Steinmetz und Organist Daniel Stickan arbeiten seit 2009 als Komponisten und Interpreten auf dem Gebiet neuer geistlicher Musik zusammen. Sie wollen Theologie und Gegenwartskultur verbinden, organisieren Gottesdienste mit von Jazz geprägten Liturgieformen. Das Duo ist Teil des EKD-Programms „Musik und Reformation“. In der Kantate „Nein, lieber Mensch, so nicht!“ verarbeiten Steinmetz und Stickan Luthers Thesen zu Glaube und guten Werken. Die Komposition ist in der Hamburger Hauptkirche St. Katharinen uraufgeführt worden. Jetzt hat das Duo die CD des Konzerts veröffentlicht.

Dieses Werk bettet Luthers Rechtfertigungslehre in klassische Gemeindelieder ein – „Nun bitten wir den heiligen Geist“ – und verbindet sie mit vertonten theologischen Grundsatztexten als Solo, Choral oder Rezitation. Das Stück ist reformatorisches Bekenntnis und christliche Seelenlage in einem. Das alles in 57 Minuten. Ein gewagtes Unterfangen. Noch dazu in schrägen Arrangements, ungewohnt vielleicht für an Bach-Harmonien gewohnte Ohren.

Doch es ist gelungen. Sehr gut sogar. Denn das von den Komponisten auch „Freiheitskantate“ genannte Werk strahlt musikalisch im Klang des Heute ebenfalls die Andacht aus, die etwa in den Passionen des Barock überliefert ist. Und in den ausdrucksstarken Worten der Reformation wird die zentrale lutherische Lehre formuliert. In Abschnitt acht des fünfzehnteiligen Opus spricht der Rezitator, Frank Engelbrecht von St. Katharinen, die entscheidenden Sätze:“Ein Christenmensch hat am Glauben genug, er braucht kein Werk, um gerecht zu sein. Bedarf er aber keines Werkes mehr, so ist er frei.“

Natürlich kannte Luther schon die listenreiche Reaktion der Kritiker, die auf gute Taten pochten. Wenn Luther Recht hätte, könnte man sich ja beruhigt zurücklehnen und die Hände in den Schoß legen. Die Antwort hat der CD den Titel gegeben:“Nein, lieber Mensch, so nicht! Es verhielte sich zwar so, wenn du nur ganz innerlich und geistlich geworden wärest, was aber bis zum jüngsten Tag nicht geschieht. Es ist und bleibt auf Erden nur ein Anfangen und Zunehmen, was erst in jener Welt vollendet wird.“

Die Kantate beschreibt diese existenzielle Herausforderung des „Christenmenschen“ einmal in seinem Verhältnis zur Welt, gekennzeichnet durch die Glaubensregeln des Vaterunser, dann aber auch in der Innerlichkeit, dem Schrei nach Erlösung und der Gewissheit, dass Christus den Tod überwand. Bis sich das Leben in der Verheißung des göttlichen Lichts erfüllt.

Ist der theologische Kern der Kantate schon ein komplexes sprachliches Gebilde, so fügt ihm das musikalische Gewand, in das er gehüllt ist, faszinierende Klangfarben und Tonskalen hinzu, unterlegt mit antreibenden wechselnden Rhythmen. Herausragendes Beispiel ist das von Orgel und Saxofon begleitet Solo „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ der Jazzsängerin Efrat Alony. Ihre Stimme strebt klagend und fordernd in die Höhe, begleitet von galoppierenden Orgelrhythmen und einem Saxofon, das diese universelle Bitte um Gnade geradezu flehentlich umspielt.

Es hieße allerdings, den musikalischen Part der Kantate zu unterschätzen, wenn er nur als „lautmalerisch“ qualifiziert würde. Musik und Text bedingen sich gegenseitig, und die kompositorischen Elemente haben eine eigenständige liturgische Bedeutung.

Dazu tragen neben den beiden Komponisten und Interpreten der in Barockmusik erfahrene Hugo Distler Chor und die treffliche Hamburger Kinder- und Jugendkantorei der Hauptkirchen St. Petri und St. Katharinen bei. Ein gelungenes, innovatives Projekt.

Wie sagt man: Wer Ohren hat zu hören – der hört, wie das Gewölbe von St. Katharinen eine meditative Mischung menschlicher Stimmen und stimmungsvoller Instrumente umfängt, in denen sich das Mysterium von Glaube und Gnade widerspiegelt.