Welcher Künstler veröffentlicht schon gerne schlechte Kritiken? Wir machen das!

Hier also unser erster Verriss von Burkhard Kinzler in der Zeitschrift „Musik & Kirche“ (einer Fachzeitschrift des Bärenreiter-Verlages für das kirchenmusikalisch interessierte Publikum):

Eine CD mit Musik, die vollmundig als „Neuformulierung der Kirchenmusik“ angekündigt wird und für sich in Anspruch nimmt, Kirche und Gegenwartskultur auf „bisher ungehörte Art“ zu verbinden, macht natürlich neugierig.

Was dann aber aus den Lautsprechern tönt, kann – man dachte es sich schon – diesen hohen Anspruch kaum erfüllen. Nur durch die Kombination Orgel + Saxofon mit Chor und Solostimme ist das kirchenmusikalische Rad nicht neu erfunden, und auf die Idee, Choräle mit jazzorientiertem liturgischen Orgelspiel zu unterlegen, sind in den letzten 30 Jahren schon andere gekommen.

Wirklich neu ist also nichts, im Gegenteil, es finden sich Versatzstücke aus allerhand (kirchen-)musikalischen Traditionen: Orgelpunkt, Imitation und Quartenharmonik in singebewegter Manier finden sich ebenso wie leicht (und stilistisch inkonsistent) mit Optionstönen angereicherte Akkorde, wirklicher Jazz ist das aber halt bei Weitem nicht. Anleihen bei der Minimal Music machen diese Musik so wenig „neu“ wie gezischte Konsonanten oder atonale Felder einer improvisierenden Orgel.

Als Textgrundlage dient Luthers Freiheitstraktat, das mit den Luther-Chorälen eine Kantate aus 15 Szenen bildet. Chronologisch begegnen einem nach einem stilistisch schwankenden Prolog für Orgel und improvisierendes Saxofon bzw. Stimme ein Gemeindechoral („Nun freut euch, lieben Christen gmein“) mit Orgelintonation und Begleitung, wie sie jeder halbwegs gut versierte Organist liefern könnte. Das dritte Stück „Alles“ verknüpft diatonische Patterns der Chorstimmen und ist dabei nicht besonders vokal gesetzt, was sich leider hörbar auf die Intonation auswirkt. Bemüht wirkt auch der Versuch, die Choralmelodie „Nun bitten wir den heiligen Geist“ rhythmisch „aufzumotzen“, um dann plötzlich mit Pfeifen und Zischen in die Klischees „neuer“ Musik abzudriften. Und in dieser Heterogenität geht es leider weiter.

Eher problematisch sind auch die interpretatorischen Leistungen der Chöre – heterogene, sich schlecht mischende Stimmen mit immer wieder deutlich werdenden Intonationsschwächen.

Wäre diese CD mit etwas mehr Demut als das angekündigt, was sie ist, nämlich der Live-Mitschnitt eines kompositorischen Versuches, diverse musikalische Strömungen aufzunehmen und zu einem Luther gewidmeten Oratorium zusammenzuführen, wäre die Rezension wohl milder ausgefallen. Wer aber mit derart hochgestecktem Anspruch auftritt und sich im Booklet direkt auf Bach beruft, muss sich auch daran messen lassen.

Burkhard Kinzler
Legte mit 29 Jahren seine A-Prüfung in Kirchenmusik ab, mit 33 Jahren beendete er sein Kompositions- und mit 36 Jahren sein Dirigierstudium. Von 1992-2003 Lehrauftrag für Tonsatz, Improvisation und Popularmusik an der Hochschule für Kirchenmusik Heidelberg. 1993 bis 1996 Lehrauftrag für Chorleitung und Dirigieren an der Hochschule für Musik und Theater Hannover. Seit 1999 Professor für Musiktheorie, zuerst an der Musikhochschule Mannheim, seit 2003 an der Zürcher Hochschule der Künste.
Freischaffender Komponist, Aufträge von „renommierten Interpreten“ (Quelle: www.burkhard-kinzler.info), Dirigent und Gastdirigent verschiedener Instrumental- und Vokalensembles. Seit 2007 Künstlerischer Leiter und Geschäftsführer der Museumskonzerte Winterthur. 2015 erscheint im Schott-Verlag ein umfangreicher Band mit Volksliedbearbeitungen von Burkhard Kinzler unter dem Titel „Wenn alle Brünnlein swingen“ (Quelle: www.burkhard-kinzler.info): „Volklieder erleben derzeit eine wahre Renaissance. Diese Arrangements von Burkhard Kinzler erscheinen zeitgemäß frisch, mal im Boogie-, mal im Swing-Stil. Traditionelles Liedgut wird neu verpackt zum Ohrenschmaus und bringt auch der jungen Generation das Kulturgut des deutschsprachigen Raumes näher.“ (Quelle: www.borromedien.de)

Weitere Informationen über Burkhard Kinzler finden Sie unter www.burkhard-kinzler.info
Hörbeispiele aktueller Kompositionen von Burkhard Kinzler finden Sie unter www.burkhard-kinzler.tumblr.com