Das Wesen der Dissonanz

Erster Abend der neuen „Lebensklänge“-Staffel

Vor drei Jahren hatte Organist und Jazzpianist Daniel Stickan die Idee, Theologie in Form einer kurzen Betrachtung und eines Gebets mit spiritueller Jazz-Musik zu kombinieren und diese Mischung von christlicher Andacht, Konzert und Jam Session an jeweils vier Sommerabenden in St. Nicolai anzubieten. „Lebensklänge“ nannte Stickan das Projekt, das er von Beginn an zusammen mit dem Saxophonisten Uwe Steinmetz aus Berlin gestaltete. Inzwischen sind diese „Lebensklänge“, zu denen jeweils musikalische Gäste und ein theologisch bewanderter Referent geladen werden, fester Bestandteil der St. Nicolai-Kirchenmusik.

Die „Lebensklänge“ stehen jeweils unter einem bestimmten Motto, über das von den Referenten resümiert wird und das die Musiker inspirieren soll. „Dissonanz“ hieß dieses Mal das Stichwort. Dr. theol. David Andrew Gilland, der in den USA studierte, in Schottland promovierte und derzeit an der Leuphana Universität Lüneburg lehrt, thematisierte die Konflikte, die das Christentum und seine Geschichte geprägt haben. Ohne Dissonanz gäbe es keine Konsonanz, und die Geschichte, respektive die Musikgeschichte, zeige, wie stark kulturelle Situation und Klangdefinition miteinander verknüpft sind.

„Dissonant“ klang oft auch die Musik, aber im besten Sinne. Es gab Jazz vom Feinsten, gespielt von einem Trio, dessen Mitglieder vielfach preisgekrönt und weit über die Region und Deutschland hinaus bekannt sind, sich schon lange kennen, oft zusammen gespielt haben und dennoch keine feste Band bilden. Umso interessanter war es, die teils über das im Jazz ohnehin gewohnte Maß hinaus gesteigerte Konfrontation von Konsonanz und Dissonanz während ausgedehnter Sets zu lauschen. Die entstehenden Spannungen lösten sich in langen Melodietönen und atmosphärischen Patterns auf.

Daniel Stickan, begleitet von den beiden hochkarätigen Saxophonisten Uwe Steinmetz und Sebastian Gille, spielte zunächst Klavier, den zweiten Teil des Abends saß er an der großen romantischen Orgel und hatte die beiden Bläser im „Schwalbennest“ der Kirche dabei. Eigene Themen der Musiker wurden improvisatorisch verarbeitet, auch Stücke des aus Hamburg kommenden Gastes Sebastian Gille, der vor zwei Jahren bereits in St. Nicolai zu hören war. Sein intensiver Saxophonton ist sehr wandelbar, meditativ und eindringlich zugleich, der menschlichen Stimme abgehört.

Gilles Spiel verband sich mit der nicht minder durchdachten wie auch sehr gefühlsbetonten Auffassung von Uwe Steinmetz sowie Daniel Stickans mitreißender Improvisationskunst zu besinnlichen Klängen, die auch aufrüttelten, deren Motive raumfüllend meditativ atmeten und selbst in der Dissonanz nach harmonischer Begegnung suchten.