Aschermittwoch der Künste

Daniel Stickan und Uwe Steinmetz bereichern die Kirche um unerhörte Klänge.

Morgen spielen sie in St. Katharinen

Von Tom R. Schulz

St. Katharinen. Selbst in der karnevalsfreien und Hansestadt Hamburg weiß man, dass am Aschermittwoch der Fasching vorbei ist und an diesem Tag die Fastenzeit beginnt. Gefühlt gehört er allerdings den noch vom Rosenmontag Restverkaterten und den unmäßigen Maßtrinkern von der CSU. Die versammeln sich am Aschermittwochmorgen in der Dreiländerhalle in Passau und ergötzen sich zum Bier an den traditionellen Schimpfkanonaden ihres jeweiligen Parteivorsitzenden. An Kirchgang denken im Norden an diesem Tag die wenigsten.

Neuerdings jedoch bieten auch protestantische Kirchengemeinden hier einen „Aschermittwoch der Künste“ an – und geben zu, dass die Idee dazu von der Konkurrenz kam, der katholischen Kirche in Frankreich. Die widmet diesen herausgehobenen Tag im Kirchenjahr schon seit Jahrzehnten dem provozierenden, heilsamen, Denkanstöße erzwingenden Dialog zwischen Kirche und (freien) Künstlern. Am morgigen Aschermittwoch lädt St. Katharinen unter dem Motto „Wahrhaft unvernünftig, wunderbar verworren, herrlich schräge“ zu ihrem ersten „Aschermittwoch der Künste“.

Die Gäste erwartet eine Collage aus Kabarett, Jazz, biblischen Texten, Stille und „Knalleffekten“, wie die Homepage der Kirche verspricht. Den Jazz liefern Daniel Stickan (Kirchenorgel, Klavier, Toy piano) und der Saxofonist Uwe Steinmetz aus Berlin. Die beiden sind seit Langem als kreative, kritische Mitgestalter in der evangelischen Kirche aktiv. Vor einigen Monaten erschien ihr Album „Waves“ mit aufregender, radikal spiritueller Musik. In diesem Jahr verantworten Stickan und Steinmetz unter dem Titel „in spirit“ eine Reihe mit 66 Konzerten in 15 Kirchen in ganz Deutschland. Bei stets gewahrter Distanz zur Kirche als Institution sind die beiden auf dem besten Wege, die Kirchenmusik des 21. Jahrhunderts auf ein Niveau zu heben, das sich Lichtjahre über die popularmusikalischen Anbiederungsversuche durchklampfter Jugendgottesdienste erhebt.

Die einfachste Erklärung dafür, weshalb er sich frühzeitig nach einer Nische für seine künstlerische Arbeit umgeguckt hat, liefert Daniel Stickan en passant, zwischen Kirchentür und Kettenkaffeehaus. Er habe, sagt er auf dem Fußweg von St. Katharinen ins Lokal, nicht die leiseste Lust verspürt, auf dem jazzhistorisch seit einem halben Jahrhundert ausführlichst beackerten Feld des Klaviertrios noch ein weiteres Pflänzchen zu ziehen. Dabei hatte er vor etwa zehn Jahren, nach dem Ende seines Jazzstudiums in Hamburg, schon den Keimling dafür gesetzt. Da spielte Daniel Stickan mit Bass und Schlagzeug im Tonus Trio und nahm gelegentlich Stunden bei Bobo Stenson, einem Großmeister (auch) des Klaviertrios.

Aber Stickan hat in Hamburg auch Orgel studiert. Die Verbindung zum Christentum ist bei ihm von Haus aus stark. Mittlerweile hat er sich die Kirchenorgel derart anverwandelt, dass er sie im erhabenen Niemandsland zwischen Improvisation und Komposition so zu spielen vermag wie niemand sonst. Über die Anziehungskraft, die elektronische Keyboards einst auf ihn ausübten, lächelt er nur noch milde: „Ich kann auf der Orgel so unglaubliche Sub-Bässe aus Zehn-Meter-Pfeifen spielen, die kann kein Synthi emulieren. Und auch sonst: Da lassen sich so krasse Sounds erzeugen!“, schwärmt er.

Sein Partner Uwe Steinmetz, der zurzeit gerade an seiner Doktorarbeit zum Thema „Improvisation in der Liturgie“ schreibt, erlebte erstmals in den USA die Schlüssigkeit der Verbindung aus Kirche und Jazz, dann beim intensiven Studium der indischen Musik. „Die spirituelle Qualität bei John Coltrane, Pharoah Sanders, Albert Ayler hat Eindruck gemacht“, sagt Steinmetz. Beide Musiker sind in theologischen Dingen ausgesprochen bewandert, sie lesen viel entsprechende Literatur und sehen sich in ihrer Arbeit oft eher von Theologen verstanden als von den fest angestellten Kirchenmusikern. „Die betrachten die Kirche oft als Konzertsaal.“

Wer von den beiden flotte Musik à la „Swing auf der Kirchenorgel“ erwartet, wird seinen Ohren nicht trauen – und sie womöglich um so weiter aufmachen wollen. Denn Stickan und Steinmetz spielen eine in jedem Moment genau ausgehörte Musik, die stets mit dem Raum entsteht, nie gegen ihn. Ihr Musizieren ist ein Gebet ohne Worte – voller Kraft und Demut. Eine sehr moderne Variante von Soli deo gloria.