Lüneburg, 12.07.2020 – von Hans-Martin Koch

Von allem etwas weniger, aber nicht weniger gut. Drei statt vier „Lebensklänge“ gibt es in diesem Sommer in St. Nicolai. Geld von Sponsoren ist rar. Sie fördern zurzeit kaum oder gar keine Projekte, schauen vor allem auf den Erhalt von Strukturen. Und wenn die Kirche zum Auftakt voll besetzt ist, heißt das wegen des Abstandszwangs, dass sie trotzdem eher leer ist. Einige Interessierte dürfen nicht rein zu diesem ersten Abend, der in Kraft und Ruhe um das Thema „Resilienz“ kreist.

Stärke in Zeiten der Pandemie

„Lebensklänge“ bieten einen musikalischen Gottesdienst am Abend. Jazz und Theologie treffen sich dabei für eine kreative, das Denken befördernde Stunde. 2012 rief der Lüneburger Tastenmann, Kirchen- und Jazzmusiker Daniel Stickan die Reihe ins Leben, gemeinsam mit dem Saxophonisten Uwe Steinmetz. Hinzu kommen allmittwochlich ein musikalischer Gast und ein Theologe bzw. eine Theologin aus dem Lüneburger Raum. Jeder Abend hat ein Thema, zum Start war es ein Modebegriff: „Resilienz“.
Das Bestseller-taugliche Wort steht für psychische Widerstandsfähigkeit. Als Synonyme vorgeschlagen werden vom allwissenden Google Begriffe wie Robustheit, Ausdauer, Spannkraft, Zähigkeit… Dass Resilienz in Zeiten der alle und alles verunsichernden Pandemie besondere Bedeutung besitzt, greift Dr. Dorothea Noordveld-Lorenz in ihrer Predigt auf. „Existenzielle Krisen lassen sich nicht einüben“, sagt die Pastorin an St. Johannis. Es braucht ein positiv erlebtes, Geborgenheit bietendes Umfeld, aus dem heraus sich Resilienz entwickeln kann. Glaube könne ein Weg sein, die Erfahrung von Negativität und Ambivalenzen ins Leben zu integrieren – und daraus innere Stärke zu bewahren, zu gewinnen.

Jazz lebt vom Spontanen

Wo ist die Brücke zur Musik? Nirgendwo so nah wie beim Jazz. Kein musikalisches Genre kann das Unerwartete so stark ausdrücken. Jazz lebt vom Spontanen, vom Improvisieren und davon, sich auf kaum vorherhörbare Situationen einzulassen. Das betrifft die Interaktion zwischen den Musikern mit dem Auseinander- und Zusammenlaufen von Melodien, Themen, Motiven. In einer Kirche öffnet zudem der Umgang mit Raum und Zeit die Möglichkeit des Überraschenden.

Auch wenn der Nachhall in St. Nicolai bei weitem nicht so gewaltig ist wie etwa in St. Michaelis, so wird das Schwebenlassen von Klängen doch zu einem emotionalen Träger des Abends. Orgel, Saxophon, dazu die von Sebastian Hoffmann gespielte Posaune eignen sich für das Spiel musikalischer Linien ideal.

„Too much, too late“, das erste Stück, hatte für die Musiker eine eigene, wenngleich profane Resilienz-Bedeutung bekommen. Stickan und Steinmetz hatten acht Stunden Zugfahrt aus Zürich hinter sich, Sebastian Hoffmann kam wegen einer Autopanne spät. Zeit zum Proben war knapp, aber das haben höchstens die Musiker gemerkt.

Zuspitzende Improvisationen

Um Resilienz innerhalb der Musik zu erfahren, braucht es bei den Zuhörenden die Kraft der Assoziation. Sei es bei einem immer neuen An- und Abschwellen eines Orgeltons im ersten Stück oder später bei der sich explosiv zuspitzenden Improvisation über den Beatles-Titel „Eleanor Rigby“. Ernstes, nach innen Schauendes und im Kontrast ins Freie, nach vorn Drängendes hielten sich die Waage bis zum Finale eines bereichernden, auf mehr „Lebensklänge“ neugierig machenden Abends.

„Rekreation“ lautet das Thema am 15. Juli um 20.30 Uhr. Vanessa Heinisch (Barocklaute) kommt hinzu, Pastor Eckhard Oldenburg übernimmt den theologischen Part von der erkrankten Julia Koll.